Der Weltraum, unendliche Weiten – Teil 11

UNA FESTA SUI PRATI
Jetzt war sie also vorbei, die Zeit der vorgewärmten Unterhosen und des Ausschlafens im warmen Nest der umsorgenden Großmütter. Die eine ist tot vom Stuhl gefallen – ein Bild, das Thomas’ Hirnzellen immer für ihn bereit halten werden – und die andere meint, “Jungchen ist jetzt jroß jenug, um allejne klar zu kommen”. Und das von einem Tag auf den anderen. Mensch, Omas, einfach zu sterben und ihn zum Schlüsselkind zu machen, das ist nicht nett! Dazu sind nur die alten Soldatenfrauen fähig. Ihre Männer irgendwo in den Weiten der russischen Steppen auf dem Rückzug vor dem Endsieg. Sie, alleine, aber dafür mit 15 Kindern, dem kompletten Hausstand auf der Ladefläche eines Leiterwagens und dem Mut einer verzweifelten Generation, die zwei Kriege in Ihren Tagebüchern aufzeichnen konnten, so zogen sie los, getrieben von Menschen, die sie sich selbst zu Feinden gemacht haben… Jut, das ist jetzt 26 Jahre her und Thomas ist nicht auf der Flucht, sondern auf dem Weg zur Schule, aber trotzdem! Sein Schulranzen war grün mit orangefarbenen Reflektoren, tonnenschwer auch ohne Schulbücher und Hefte.
Das Schulgebäude war erst kürzlich eingeweiht worden, schönster Waschbeton auf kubischer Grundform, die Fenster riesengroß, die Heizkörper auch, damit man auch im Winter am Fenster sitzen konnte, ohne zu erfrieren. Eine typische staatliche Grundschule in einer typischen deutschen Kleinstadt, unaufgeregt, aber mit einer Sensation in der Klasse 1a: Ein einziger Italiener unter 36 deutschen Kindern, ANDREA. Thomas hatte drei Mitschüler mit dem Namen Andrea, die anderen waren alle Mädchen. Warum, um alles in der Welt, geben Italiener ihren Jungen Mädchennamen? Gehänselt wurde Andrea damit nur am ersten Tag, denn er hatte die schnelleren Fäuste. Und auch sonst lernte er schnell sich in seiner neuen Heimat zurechtzufinden und später spannte er Thomas und den anderen Jungs die Mädchen aus – ein typischer italienischer Junge in einer typischen deutschen Kleinstadt, die Eisdiele seines Vaters mit dem typischen italienischen Namen: CAPRI. Das bedeutete Sehnsucht nach Sonne, Strand und blauem Himmel und Adriano Celentano sang dazu: Una festa sui prati. Ein Fest auf der Wiese, na das passte wunderbar zum deutschen Mann an sich, der damals seine freie Zeit am liebsten an der schmierigen Theke seiner verräucherten Stammkneipe verbrachte, Bier saufend und über Autos schwadronierend. Gut bei Autos gab es eine Schnittmenge mit dem italienischen Mann, aber an erster Stelle standen die Frauen der deutschen Männer.

3 Gedanken zu “Der Weltraum, unendliche Weiten – Teil 11

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *